Die Toten

nach der Erzählung von James Joyce

Deutschsprachige Erstaufführung

Regie Barbara Frey / Bühne Martin Zehetgruber / Kostüme Bettina Walter

„Seine Seele hatte sich jener Region genähert, wo die unermesslichen Heerscharen von Toten ihre Wohnung haben. Er war sich ihrer unsteten und flackernden Existenz bewusst, aber er konnte sie nicht fassen.“ James Joyce

Miss Kate und Miss Julia, zwei ledige Damen einer vergehenden Generation, richten zum Jahresausklang traditionell einen nächtlichen Ball in Dublin aus. Draussen fällt unaufhörlich Schnee. Zur geladenen Gesellschaft aus dem irischen Mittelstand zählen Familienangehörige, Mitglieder aus Miss Julias Chor, juvenile Klavierschüler von Miss Kate, alte Freunde der Familie, ein bekannter Operntenor der Stadt und auch Gabriel und seine Frau Gretta. Gabriel ist der Lieblingsneffe der Gastgeberinnen und er befindet sich in nervöser Stimmung, denn er wurde als Schriftsteller auserkoren, die Festrede zu halten: „Gabriels warme zitternde Finger pochten gegen die kalte Fensterscheibe. Wie kühl musste es draussen sein. Wie angenehm wäre es, allein hinauszugehen, erst den Fluss entlang und dann durch den Park! Schnee läge auf den Zweigen und bildete eine helle Kappe oben auf dem Wellington-Denkmal. Wie viel angenehmer wäre es dort als an der Abendtafel!“ Das gesellschaftliche, künstlerische Ereignis von Rang ist eine gut inszenierte, sich bereits im Verfall befindende Illusion, die Gabriel wie ein Fremder wahrnimmt. Im Morgengrauen wollen die letzten Gäste das Fest verlassen, als die heisere Stimme des Tenors erklingt, der zurückgelassen im Flügelsaal ein tragisches Lied singt. Gretta horcht gebannt im Schatten des Treppenabsatzes und ihr Mann, der sie währenddessen betrachtet wie ein Maler ein Bild, erkennt, dass seine Frau ein Geheimnis mit sich trägt, welches ein überwältigendes Begehren in ihm auslöst. Im Hotelzimmer erfährt er von seiner abwesend erscheinenden Frau, dass sie zutiefst erschüttert ist von einer schuldhaften Erinnerung, die das Lied in ihr wachgerufen hat. Ein Junge, mit dem sie verbunden war, als sie selbst noch ein Mädchen war, hatte eben dieses Lied häufig für sie gesungen. Schwer erkrankt holte er sich den Tod, nachdem er Gretta im Winterregen ein letztes Mal aufgesucht hat. Gabriel wird zunächst von rasender Eifersucht erfasst aufgrund der Präsenz des Toten in Grettas Leben. Doch die Grenze zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft wird porös und der Schnee fällt ohne Unterschied auf die Lebenden wie auf die Toten.

James Joyce schrieb „The Dead“ 1907 im Alter von 25 Jahren; die metaphysische Erzählung bildet den Schwerpunkt seines Prosawerks „Dubliner“. „Die Toten“ enthält autobiografische Bezüge und steht thematisch in Beziehung zu seinen späteren bedeutenden Romanen „Ulysses“ und „Finnegans Wake“. Der irische Autor, der zu den wichtigsten Vertretern der literarischen Moderne zählt, wurde 1941 in Zürich begraben.

  • Stadt Zurich
  • Swiss Re
  • Zürcher Kantonalbank
  • Migros