Madame de Sade

von Yukio Mishima

Regie Alvis Hermanis / Bühne Alvis Hermanis / Kostüme Juozas Statkevicius / Choreographie Alvis Hermanis, Kuan-Ling Tsai / Musikalische Einstudierung Jojo Büld
Mit Friederike Wagner, Sunnyi Melles, Lisa-Katrina Mayer, Susanne-Marie Wrage, Miriam Maertens, Kuan-Ling Tsai

Renée, Marquise de Sade Friederike Wagner
Madame de Montreuil, Renées Mutter Sunnyi Melles
Anne, Renées jüngere Schwester Lisa-Katrina Mayer
Baronesse de Simiane Susanne-Marie Wrage
Comtesse de Saint-Fond Miriam Maertens
Charlotte Kuan-Ling Tsai
 
Regie Alvis Hermanis
Bühne Alvis Hermanis
Kostüme Juozas Statkevicius
Choreographie Alvis Hermanis, Kuan-Ling Tsai
Musikalische Einstudierung Jojo Büld
Licht Gerhard Patzelt
Dramaturgie Geoffrey Layton
Regieassistenz Marco Milling
Bühnenbildassistenz Marie-Luce Theis
Kostümassistenz Janina Baldhuber, Sabrina Bosshard
Dramaturgiehospitanz Michelle Hänni
Souffleuse Rita von Horváth
Inspizienz Dagmar Renfer

Hinweis:


Aufgrund einer Erkrankung im Ensemble müssen die für Samstag, 22.4., und Donnerstag, 18.5., im Pfauen geplanten Vorstellungen „Madame de Sade“ leider entfallen. Stattdessen zeigen wir „Andorra“ von Max Frisch in der Regie von Bastian Kraft. Bereits gekaufte Karten berechtigen zum Besuch der Ersatzvorstellungen oder können an der Theaterkasse, Tel. +41 44 258 77 77, zurückgegeben oder auf eine andere Vorstellung umgebucht werden. Wir bitten um Ihr Verständnis!


 

„Wenn mein Mann ein unmoralisches Ungeheuer ist, muss ich zu einem Ungeheuer an Ergebenheit werden.“ aus „Madame de Sade“

Das Stück ist ein Skandal und es handelt vom Skandal eines Menschen, der seine Triebe auslebt, der das „Unbehagen in der Kultur“ nicht hinnehmen will. Es ist ein spätes Stück des japanischen Autors Yukio Mishima, das 1965 geschrieben und mit grossem Erfolg auch ausserhalb Japans aufgeführt wurde.

Das Stück spielt im Salon der Madame de Montreuil, wo die Damen auf den Marquis de Sade Bezug nehmen, der derweil die Pariser Bordelle frequentiert. Der Dialog entfaltet die Spannungen zwischen den Frauen, die sich – jeweils unterschiedlich – auf den Marquis, diesen abwesenden Mittelpunkt, beziehen. Sie erleben indirekt dessen Leidenschaften. „Hinter der Eiseskälte lodernde Glut ahnen lassen“ lautet die Anweisung von Mishima. Er hat eine Vorliebe für Frauen, die sowohl mit Scharfsinn wie mit Kraft ausgestattet sind. Renée, die Titelfigur des Stücks, kämpft ihr Leben lang um die Freilassung ihres Gatten, des Marquis de Sade, aus dem Gefängnis. Ihre Mutter dagegen verteidigt das Realitätsprinzip der gegenwärtigen Gesellschaft, das Recht und Gesetz des Ancien Régime. Sie will ihre Tochter dazu bringen, das „Ungeheuer“ zu verlassen. Aber die Tochter folgt ihrem Gatten auf dem Weg zu seiner eigenen Wahrheit.

Der japanische Dichter Yukio Mishima (1925-1970) etablierte sich mit „Geständnis einer Maske“, einem Roman, der die homosexuellen und sadomasochistischen Fantasien eines Jugendlichen erkundet, als herausragender und gepriesener Dichter seiner Generation. Fortan faszinierten und irritierten Mishimas Person und Schaffen. Als Anführer der „Tatenokai“ tötete er sich im Jahr 1970 gemeinsam mit fünf seiner Anhänger nach einem missglückten Staatsstreich zur Wiederherstellung der Kaiserherrschaft. Fünf Jahre vor diesem öffentlich zelebrierten Selbstmord, der den Geist des Samurai wiedererwecken sollte, schrieb er „Madame de Sade“.

Alvis Hermanis ist längst kein Unbekannter mehr in Zürich. Mit seiner Inszenierung „Die Geschichte von Kaspar Hauser“ wurde er zum Theatertreffen eingeladen, zuletzt entstand „Die schönsten Sterbeszenen in der Geschichte der Oper“. Nun inszeniert er zum ersten Mal im Pfauen.

„Dank Alvis Hermanis, dem Liebhaber von Regelbrüchen, der in Zürich für „Kaspar Hauser“ auch schon ein weisses Pony auf die Bühne hievte, dürfen hier wunderbar aufgelegte Ensemblespielerinnen und Sunnyi Melles auf der offenen Bühne geschützten Sex haben – in Worten.“ NZZ

„Alvis Hermanis, einer der begehrtesten Theaterregisseure Europas, brachte am Schauspielhaus Zürich das Skandalstück „Madame de Sade“ auf die Bühne.“ Aargauer Zeitung

„Das ist furios und verweist auch auf die Theatertheorie des Autors. In den Genuss schauspielerischer Präsenz kommt das Publikum im zweiten Teil. Die Revolution hat begonnen, Tugend und Moral sind auf anderer Ebene zu verhandeln, der Marquis ist frei. Der Fokus richtet sich nicht mehr auf ihn. Worauf dann? Das deutet Hermanis nur an, der mit der zu jeder Gratwanderung fähigen Sunnyi Melles (Madame de Montreuil), aber auch mit Friederike Wagner, Lisa-Katrina Mayer oder Miriam Maertens hoch anregende zwei Stunden über Spiel- und Verhaltensarten hinlegt und damit eine grob gemusterte Handlungsvorlage durch kluge Verknüpfungen auflädt.“ Vorarlberger Nachrichten

„Die Damen stecken in üppigen, sanft farbigen Kostümen, tragen hochfrisierte Perücken und debattieren. Ihr Thema ist der abwesende Marquis de Sade, diese „Arbeitsbiene der Lust“, wie die ihm treu ergebene Gattin Renée (Friederike Wagner) ihn charakterisiert. Natürlich hat jede der Damen ihre eigene Story mit dem grosszügig Lust und Leiden spendenden, vergötterten und verachteten Greuelmann. Davon erzählen sie zweieinhalb Stunden lang mit stilisierter Theatralik, mal nach klassisch französischer Art deklamierend, mal japanisierend. Und dabei geben sie alles: sie wippen und tänzeln, stöhnen, wispern und lutschen, kreischen und flüstern und taumeln somnambul über die Bühne.
Schauspielerisch und technisch sind sie virtuos: Renées Schwester als Sades Geliebte (Lisa-Katrina Mayer), die keifend-empörte Mutter Madame de Montreuil (Sunny Melles), die frömmelnde Baronesse de Simiane (Susanne-Marie Wrage) und die nach Lust lechzende Comtesse de Saint-Fond (Miriam Maertens).“ sda

„Die manierierte Körpergestik will Alvis Hermanis bei der Schauspielkunst zu Beginn des 20. Jahrhunderts entdeckt haben, bei der grossen Sarah Bernhardt zum Beispiel, und sie mit seiner erneuten Anwendung 100 Jahre später ins kulturelle europäische Gedächtnis einschreiben. Die Schauspielerinnen – eine von der fabelhaft wandlungsfähigen Wiener Burgschauspielerin Sunnyi Melles angeführte erstklassige Riege mit Friederike Wagner, Miriam Maertens, Susanne-Marie Wrage und Lisa-Katrina Mayer – haben sich das historische Vokabular offenbar perfekt angeeignet. Am Rande der Ohnmacht hyperventilieren sie in Rosé, Resedagrün, Bleu, Violett und Zartgelb, dass es eine wahre Augenweide ist – nur die Ehefrau Renée, der Friederike Wagner einen beseelten Blick aus ihren grossen Augen schenkt, steht alsbald ohne Reifrock in ihrer Spitzenunterhose ganz hilflos und verloren im Raum. Ihre Lust ist die unverrückbare Treue zu Alphonse – so wird der Marquis de Sade hier durchgängig in familiärer Vertrautheit genannt. Für sie verkörpert diese „Arbeitsbiene der Lust“ ein höheres metaphysisches Prinzip, wenn diesem von Mishima zum Künstler schlechthin verklärten de Sade am Ende gar zugetraut wird, eine „Hintertreppe in den Himmel“ zu bauen.“ Badische Zeitung

„Da ist Renée, die Marquise de Sade, ihr gibt Friederike Wagner die Gestalt: eine liebende Frau, die ihre Liebe nicht leben kann. Denn meldet sich ihr Mann nach der langen Abwesenheit zurück, lässt sie ihn draussen stehen. „Ich will ihn nie wieder sehen.“ Zu diesem Zeitpunkt sind alle Farben schon aus dem Spiel genommen, alles das, was vorher noch für Diskussionen sorgte, ist verblasst – als hätte die Zeit die Gefühle ausgebleicht. Still sitzt da Madame de Montreuil, Renées Mutter, die Sunnyi Melles ist, in ihrer Ecke, am Anfang wollte sie noch das Spiel bestimmen, jetzt ist ihr alles, so scheint es, einerlei. Auch Anne, Renées jüngere Schwester (Lisa-Katrina Mayer), die mit dem Marquis eine Affäre hatte, hat jetzt ihr Feuer verloren, und nichts stachelt mehr die zwei anderen Besucherinnen im Salon an: Baronesse de Simiane (Susanne-Marie Wrage), vorher auf die Knochen fromm, Comtesse de Saint-Fond (Miriam Maertens), vorher überhaupt nicht fromm – sie sitzen jetzt einfach da mit den anderen.“ Der Landbote

„Der Abend beginnt mit einem Harakiri: Mitten im blütenweissen Salon und zu sanfter Musik schneidet sich die Japanerin Charlotte (Kuan-Ling Tsai) mit einem scharfen Messer den Bauch auf. Während sie stirbt, fallen blutrote Rosenblätter aus ihrem Mund.
Der Beginn mit einem stilisiert-rituellen Selbstmord ergibt Sinn; denn auf diese Weise brachte der homosexuelle, politisch wie persönlich höchst eigensinnige Autor Yukio Mishima (1925-1970) sich und seinen Freund um. Mit diesem Akt, mehr noch als mit seinem Werk aus Romanen und Theaterstücken, wurde er weltberühmt. 1965 entstand das Stück „Madame de Sade“, das nun in Zürich in der Regie des Letten Alvis Hermanis gespielt wird. Ein sprachlich dichter Text für sechs Schauspielerinnen, die wie Trabantinnen um den Marquis de Sade kreisen.“ srf.ch

„Der perverse Marquis steckt im Gefängnis und zu Hause in Paris tuscheln und moralisieren die Frauen. Thema des Stückes, das der japanische Autor Yukio Mishima im Jahr 1965 schrieb, sind nicht die Verfehlungen de Sades, sondern die Haltung der Opfer dazu, als da sind seine Ehefrau Renée, seine Schwägerin Anna, seine Schwiegermutter Madame de Montreuil, dazu kommt ein erweiterter Kreis von Damen, die bereits erwähnte Baronesse und die Comtesse sowie die Dienerin Charlotte. Sie umtanzen einen Theaterabend lang das Böse, das sich in irgendeinem Verliess in Südfrankreich befindet, später in Vincennes, und als es freikommt, als dieses Scheusal von einem Mann, dem die Frauen offenbar reihenweise verfallen, am Ende des Stücks dann endlich vor den Pforten des Palastes steht, sagt die von Friederike Wagner hinreissend gespielte Marquise de Sade, die 18 Jahre lang um seine Freilassung kämpfte, sie wolle ihn nicht sehen.“ Basler Zeitung

„Es gibt manche spannenden Aussagen darin zu entdecken. Und ohnehin wird das alles darstellerisch auf gewohnt hohem Niveau gelöst. Wie umstandslos insbesondere Sunnyi Melles ihre Figur den unterschiedlichsten Theaterkulturen anzupassen vermag, lässt staunen. Und wie Friederike Wagner es versteht, in Madame de Sade über diese extremen Sprünge hinweg eine konsistente Entwicklung aufzuzeigen, ist beeindruckend.“ Südkurier

„Alvis Hermanis macht – man ist erleichtert – keine aktuellen kriegssadistischen Bezüge, sondern belässt das Stück ganz in diesem – allerdings in der Endlosschlaufe kreisenden – Spieldöschen einer weiss gepuderten Exaltiertheit. Auch dann, wenn die Bonbons zu Geishas mutieren. Er verlässt sich auf die Kunst der fantastischen Weiber. Sie sind zum Harakiri-Schreien gut.“ St. Galler Tagblatt

„Der Beginn ist gross und berückend. Ausstattungstheater, dass sich die Bretter biegen, und die Näherinnen in Schneiderei und Kostümateliers müssen sich die Finger blutig genadelt haben. Kein Wunsch bleibt offen! Die überdimensionierten Damenroben von Juozas Statkevicius zelebrieren Dekadenz, und Hermanis‘ Salonbühne zeigt die himmelhohe innere Leere des Pariser Adels. Den Sex-Appeal dieses Gegensatzes verstärkt die Ausgangslage: Keine der Anwesenden weiss, wo de Sade im Augenblick steckt, in welchem Gefängnis, in welcher Frau. Das macht die kitzlige Damendebatte besonders erotisch.“ NZZ

Pfauen

Do, 18 Mai 20:0022:30

Entfällt

Zum letzten Mal am 9. April 2017 im Pfauen

Schauspielhaus-Journal Dezember 2016: Nachwort von Yukio Mishima zu „Madame de Sade“