Platonow
Anton Pawlowitsch Tschechow wird am 17. Januar 1860 in Taganrog, einer Stadt in Südrussland am Azowschen Meer, als dritter Sohn eines Kaufmanns geboren. Nach dem Bankrott des Vaters zieht die Familie 1876 nach Moskau. Tschechow beginnt, Medizin zu studieren und gleichzeitig Erzählungen und Beiträge für diverse Zeitungen und Unterhaltungsmagazine zu schreiben, womit er seine finanziell notleidende Familie unterstützt. 1884 beendet er sein Medizinstudium. In dieser Zeit machen sich erste Anzeichen von Tuberkulose bei ihm bemerkbar. Sein heikler gesundheitlicher Zustand hindert ihn aber nicht daran, 1890 eine Informationsreise durch Sibirien zur Strafkolonie Sachalin zu unternehmen. Sein aufwühlender Bericht über die dortigen Zustände („Die Insel Sachalin“) wird 1895 als Erzählung publiziert. Tschechow schreibt eine Vielzahl an Prosatexten („Die Dame mit dem Hündchen“, „Die Steppe“, „Eine traurige Geschichte“, „In der Schlucht“) und Theaterstücken und praktiziert weiterhin als sozial engagierter Arzt, obwohl viele seiner Patienten nicht in der Lage sind zu bezahlen.
In den späten 90er Jahren des 19. Jahrhunderts lernt er den Schauspieler und Regisseur Konstantin Sergejewitsch Stanislawski kennen, der das Moskauer Künstlertheater leitet und mit dem der schon zu Lebzeiten gefeierte Autor bis zu seinem Tod zusammenarbeitet. Viele seiner Werke, wie „Die Möwe“ (UA 1896), „Iwanow“ (UA 1887),„Onkel Wanja“ (UA 1899), „Drei Schwestern“ (UA 1901) oder „Der Kirschgarten“ (UA 1904), sind bis heute unverzichtbare Bestandteile der Theaterspielpläne weltweit und die vom Autor geschaffenen Psychogramme von Menschen, die ihres Glaubens und ihrer Glücksfähigkeit enthoben sind, von beklemmender Modernität.
1901 heiratet Tschechow die Schauspielerin Olga Knipper, die bei zahlreichen Aufführungen seiner Stücke in Moskau mitwirkt. Im Juni 1904 gehen die beiden nach Deutschland, um Tschechows Tuberkulose behandeln zu lassen. Nach einem Kurzaufenthalt in Berlin fahren sie in den Schwarzwald-Kurort Badenweiler. Von dort schreibt Tschechow etliche Briefe, in denen er unter anderem die Deutschen als ordnungsliebend und wohlhabend, aber auch als langweilig und untalentiert beschreibt. Mitte Juli erleidet er mehrere Herzanfälle, die letztlich seinen frühen Tod im Alter von nur 44 Jahren zur Folge haben. Tschechow stirbt am 15. Juli 1904 in Badenweiler. Sein Leichnam wird nach Moskau überführt und dort unter grosser Anteilnahme der Bevölkerung auf dem Neujungfrauenkloster-Friedhof beigesetzt.
Deutsch von Werner Buhss
Regie Barbara Frey / Bühne Bettina Meyer / Kostüme Bettina Munzer
Mit
Jan Bluthardt, Gottfried Breitfuss, Klaus Brömmelmeier, Ursula Doll, Lambert Hamel, Yvon Jansen, Niklas Kohrt, Franziska Machens, Michael Maertens, Miriam Maertens, Nicolas Rosat, Markus Scheumann, Siggi Schwientek, Friederike Wagner
| Anna Petrowna Woinizew, junge Witwe eines Generals | Friederike Wagner |
| Sergej Pawlowitsch Woinizew, Sohn des Generals aus erster Ehe | Nicolas Rosat |
| Sofja Jegorowna, seine Frau | Yvon Jansen |
| Porfiri Semjonowitsch Glagoljew | Lambert Hamel |
| Kirill Porfirjewitsch Glagoljew, sein Sohn | Niklas Kohrt |
| Pawel Petrowitsch Stscherbuk | Siggi Schwientek |
| Marja Jefimowna Grekowa, junge Frau von 20 Jahren | Franziska Machens |
| Iwan Iwanowitsch Trilezki, Oberst im Ruhezustand | Gottfried Breitfuss |
| Nikolai Iwanowitsch Trilezki, sein Sohn, junger Arzt | Markus Scheumann |
| Abram Abramowitsch Wengerowitsch, reicher Jude | Klaus Brömmelmeier |
| Michail Wassiljewitsch Platonow, Dorfschullehrer | Michael Maertens |
| Alexandra Iwanowna (Sascha), seine Frau, Tochter von Iwan I. Trilezki | Ursula Doll |
| Ossip, Typ von 30 Jahren, Pferdedieb | Jan Bluthardt |
| Katja | Miriam Maertens |
| Regie | Barbara Frey |
| Bühne | Bettina Meyer |
| Kostüme | Bettina Munzer |
| Licht | Rainer Küng |
| Dramaturgie | Thomas Jonigk |
| Regieassistenz | Mélanie Huber |
| Bühnenbildassistenz | Anja Kerschkewicz |
| Kostümassistenz | Eva Krämer |
| Regiehospitanz | Stephanie Schmidt |
| Soufflage | Gerlinde Uhlig-Vanet |
| Inspizienz | Aleksandar Sascha Dinevski |
Pfauen
Premiere am 1. April 2011
Ein Kulturengagement der Credit Suisse
Mit seiner ursprünglich namenlosen Komödie, die er auch als „Enzyklopädie des russischen Lebens“ bezeichnete, wollte Tschechow nach eigener Auskunft den Menschen nur eines ehrlich begreiflich machen: „Schaut, wie schlecht und langweilig ihr lebt!“ Diese Erkenntnis hat ironischerweise niemand tiefer verinnerlicht als der Titelheld, der zum Dorfschullehrer herabgesunkene Liebling der Frauen Platonow …
Für Barbara Frey ist es, nach „Onkel Wanja“ in München und „Der Kirschgarten“ in Berlin, ihre dritte Tschechow-Inszenierung.
Das Landhaus der Generalswitwe Anna Petrowna: Hier trifft man sich. Alle sind knapp bei Kasse und brauchen Geld. Materielle Sicherheit gibt es nicht mehr, Moral, Perspektiven und innere Überzeugungen auch nicht. Obwohl keiner den anderen sonderlich mag, versucht man, gemeinsam Zeit, Traurigkeit und Melancholie totzuschlagen – man flirtet, man lacht, man ist borniert, zynisch oder selbstmitleidig, man quält sein Gegenüber. Vor allem aber redet man, redet, um zu überleben.
Eine Komödie hochtrabender Hoffnungen in einer drückenden Welt, von Tschechow verstanden als eine „Enzyklopädie des russischen Lebens“. „Ich wollte den Menschen nur ehrlich sagen: ‚Schaut, wie schlecht und langweilig ihr lebt!’ Die Hauptsache ist, dass die Menschen das begreifen.“ Diese Erkenntnis hat niemand tiefer verinnerlicht als der zum Dorfschullehrer herabgesunkene Liebling der Frauen Platonow, dessen Ausruf „Das Leben! Warum leben wir nicht so, wie wir könnten?“ exemplarisch für die Unfähigkeit des Einzelnen steht, Entscheidungen zu treffen und die eigenen Sehnsüchte Realität werden zu lassen.
Tschechow vermittelt uns tiefe Einsichten in das menschliche Dasein, in Figuren, die auch in Momenten grösster Lächerlichkeit mit liebevoller Zuneigung gezeichnet werden. Er widmete sein erstes, 1880 entstandenes Stück der Schauspielerin Marija Jermolowa. Er gab das von seinem Bruder akribisch abgeschriebene Manuskript persönlich am Maly-Theater ab, wo die Künstlerin engagiert war; es wurde abgelehnt. Enttäuscht vernichtete Tschechow das Manuskript, so dass das Stück erst 1923, zwanzig Jahre nach seinem Tod, entdeckt wurde. Die ursprünglich namenlose Komödie, die auch unter dem Alternativtitel „Die Vaterlosen“ geführt wurde, hatte ungekürzt eine Aufführungsdauer von sieben bis acht Stunden gehabt.
Michael Maertens, Friederike Wagner und Thomas Jonigk im Gespräch
Thomas Jonigk – Nach einer erneuten Lektüre von „Platonow“ habe ich mich gefragt, wie ich erklären würde, worum es in dem Stück geht. Dabei musste ich immer wieder an den viel zitierten Satz von Blaise Pascal denken: „So habe ich oft gesagt, dass alles Unglück der Menschen einem entstammt, nämlich, dass sie unfähig sind, in Ruhe allein in einem Zimmer bleiben zu können.“ Das war für mich wie ein Mottosatz für dieses Stück, in dessen Zentrum sich ein Wechselspiel aus Nähe und Distanz bzw. Einsamkeit und Beziehung manifestiert.
Michael Maertens – Dieser Satz könnte eigentlich von Platonow selbst stammen.
Thomas Jonigk – Empfindet ihr Platonow als einsam?
Friederike Wagner – Nicht nur ihn. Man hat ja das Gefühl, dass ausnahmslos alle Figuren im Stück einsam sind. Nur geht jeder auf eine andere Art mit dieser Einsamkeit um. In jedem Fall ist jeder mit sich selbst beschäftigt.
Michael Maertens – Ich kann eigentlich nur über Platonow reden. Und der ist bestimmt einsam, zumindest empfindet er es so. Möglicherweise ist das aber auch Einbildung, eine Einbildung, die seiner Depression entspringt. Denn objektiv betrachtet ist er ja nicht einsam: Er hat ein Kind, Kolja, er ist mit Sascha verheiratet, er ist begehrt, hat einen Beruf, ist gesellschaftlich umstritten, aber anerkannt. Er ist integriert und hat soziale Kontakte. Er selbst betrachtet sich aber als „outlaw“.
Thomas Jonigk – Das heisst doch nur, dass er nicht allein ist. Seine Einsamkeit ist aber ein emotionaler Zustand, der wahrscheinlich grundsätzlich von objektiven Gegebenheiten, wie du sie nennst, unabhängig ist.
Michael Maertens – Das stimmt. In jedem Fall empfindet Platonow eine tiefe, ihm eigene Einsamkeit. Wir sind jetzt in der vierten Probenwoche und seit einigen Tagen bin ich mir sicher, dass er depressiv ist bzw. sich in einer tiefen Depression befindet. In diesem Zustand kapselt er sich immer mehr ab, ist mit sich selbst beschäftigt, fühlt sich von seiner Umwelt unverstanden und erhöht und zementiert damit nolens volens seine Einsamkeit. Und wie viele Menschen in pathologischen Zuständen, wie z.B. einer Depression, ist auch Platonow kompliziert in Bezug auf Kommunikation und Sozialverhalten. Das macht ihn oft unsympathisch. Und auch ich, der ihn spielt und insofern eine spezifische Nähe zu ihm aufbaut, finde ihn oft extrem unsympathisch. Manchmal gönnt man ihm seine Einsamkeit oder dieses Leid, dass er offensiv mit sich herumträgt.
Friederike Wagner – Weshalb unsympathisch?
Michael Maertens – Ich habe in meinem Leben zwei oder drei Menschen erlebt, die eine akute bzw. diagnostizierte Depression hatten. Man weiss, dass es eine Krankheit ist, die man mit Medikamenten behandeln kann. Und oft muss. Es hat mit dem Stoffwechsel und chemischen Reaktionen im Körper zu tun. Wenn man das jedoch vergisst und einfach nur einen privaten, persönlichen Blick auf so einen Patienten wirft, können einem depressive Menschen, die sich ständig mit sich selbst beschäftigen, sich nicht öffnen, dabei aber grösstmögliche Aufmerksamkeit, Betreuung und Unterstützung benötigen, auf die Nerven gehen. Sie machen uns wütend und wecken Aggressionen – man möchte sie schütteln, aus ihrem schweren Grundzustand herausschütteln. Aus der Subjektive heraus scheint es immer wieder ungerecht, uneinsichtig und undankbar, wie sie die Welt und andere Menschen behandeln. Bei Platonow ist das oft ähnlich. Bei den ersten Lektüren des Stücks habe ich grosse Sympathie für ihn gehegt, da er nicht so angepasst ist wie die anderen Figuren, sich durch massive Individualität, Renitenz und argumentative Brillanz auszeichnet, aber im Augenblick distanziere ich mich eher von ihm. Wie gesagt: Vieles an ihm ist mir nicht sympathisch.
Friederike Wagner – Ich finde keine der Figuren im Stück unsympathisch, im Gegenteil. Jeder wird vom Autor genauestens seziert, aber keiner wird für seine Konditionierung oder sein Verhalten verurteilt, sondern sogar liebevoll betrachtet. Ich finde, das ist eine enorme Leistung von Tschechow. […]
„Ein meisterlicher Abend.“ Tages-Anzeiger
„Barbara Frey inszeniert mit einem grandiosen Ensemble einen atemberaubenden Tschechow.“ Nachtkritik.de
„Die subtile Soiree ist ein Wahnsinnsabend und dort besonders stark, wo die Gestalten bloss den Stuhl wechseln und reden, schweigen, reden. Stundenlang tut sich nichts, und dennoch hat Anna am Ende ihr Gut verloren, ihr Nachbar seine Hoffnung, Sofja ihre Ehe, Alexandra ihren Mann: Sofja erschiesst den ungetreuen Geliebten Platonow. Und alle setzen sich in die Fernsehecke, starren ins Leere. Aber wir gebannt auf die Bühne.“ Tages-Anzeiger
„Barbara Freys Regie verfolgt Tschechows Menschen mit hellwacher – und den Zuschauersaal sofort ansteckender – Neugier. Was aus ihnen herauswächst oder -bricht, entwickelt sich im gesellschaftlichen Brutkasten langsam, spannungsvoll oder abrupt und wirkt jeweils so lange urkomisch, bis es ins Unheimliche rutscht.“ NZZ
„Wandeln die Frauen auf der Spur ihres Restbegehrens, wird es wundersam lebendig auf der Zürcher Pfauen-Bühne. Dann nimmt Barbara Frey allerdings doch wieder das Tempo raus, und es sieht so aus, als döse das Personal bereits im Jenseits. In Wirklichkeit ist die Zürcher Schauspielchefin, die in München bereits „Onkel Wanja“ und in Berlin den „Kirschgarten“ inszeniert hat, mit Tschechow ganz bei sich. Mit „Platonow“ ist ihr ein grausam schöner Abend gelungen.“ Süddeutsche Zeitung
„Sie hat was von Christoph Marthalers Machart, die Inszenierung von Anton Tschechows „Platonow“, die in diesem bestechend kalten und zugleich beredten Bühnenbild (von Ausstattungsstar Bettina Meyer) am Freitag zur Premiere kam.“ Tages-Anzeiger
„Trockener Witz, eine sportlich-lakonische Sprache, die viel Komödiantisches zulässt, ohne jemals albern zu wirken, scharfe Dialoge, und – im Mittelpunkt der kleinen Versammlung: eine grandiose Friederike Wagner als Witwe Anna Petrowna, die edel und pragmatisch ist, herausfordernd und hingebungsvoll, streng und grossherzig, intelligent und integer – ein ganzes Panorama einer grossen Persönlichkeit.“ Deutschlandfunk
„Aus Humor wird Hohn, aus Finesse Fiesheit und aus intellektueller Freiheit Verzweiflung; aus marthalerschen Momenten pure puristische Barbara Frey at her best, am Puls von Tschechows stiller Masslosigkeit. Maertens zeigt sich als Meister von Witz und Weh, wenn er, ohne die Stimme zu erheben, Platonows Pfeile abschickt, sodass Marja heult und Anna lacht. Friederike Wagners dem Volksschullehrer Platonow wesensverwandte Anna ist die andere Figur, die in dem Mammut-Melodram fasziniert – das ohne Striche über sechs Stunden dauert und am Pfauen noch über drei; drei insgesamt fesselnde Stunden. Wie Anna spottet, wo sie spucken könnte, wie sie verstummt, wo sie schreien könnte (etwa als sie erfährt, dass Platonow Ehebruch mit Sofja begeht und nicht, wie ersehnt, mit ihr), das hat kühle Klasse.“ Tages-Anzeiger
„Anna Petrowna – Friederike Wagner – fläzt sich auf den Stuhl und zieht ihre ennuiierte Show ab, im jahrelang eingespielten Team mit Trilezki, dem Arzt und spätadoleszenten Schürzenjäger (noch nie war Markus Scheumann so gut!), mit Glagoljew, der von früheren Zeiten träumt (ein grandioser Lambert Hamel, auch am Schluss, wenn er nach Paris abhaut und der Cancan schon in seine alten Knochen fährt), mit all den unumgänglichen Müssiggängern, Gläubigern und Parasiten, Pferdedieb und unverfrorene Haushälterin inklusive. Hinreissend schnell ist die Runde etabliert, und es ist kein hochglanzpolierter Esprit, der in ihr aufbricht, dafür viele alte Verletzungen und sorgfältig gepflegte Wunden, ein Rhizom der gut verflochtenen Aggressionen und liebevoll gezüchteten Peinlichkeiten.“ Nachtkritik.de
„Daneben erzählt die Inszenierung aber vor allem viele kleine und grosse Liebes- und Verlustgeschichten, und ist darin sehr modern. Und sie tut es mit berückendem Personal, wie Ursula Doll als Platonows etwas grob geratene Frau Sascha, Markus Scheumann als herrlich ironisch-verzweifelter Arzt Trilezki oder Franziska Machens als die junge Frau, die sich von einem hochgeschossenen Mauerblümchen in ein zufriedenes Fohlen verwandelt.
Barbara Frey ist etwas Grosses gelungen: sie erzählt von Tschechows Drama wie von einer interstellaren Kollision mit zwei völlig verschiedenen Planeten, die alle anderen zu vernachlässigbaren, weit entfernten Sternen machen. Und sie erzählt von Seelenqualen ganz normaler Menschen. Himmel, Erde, Hölle, hier sind sie aufs Beste vereint.“ Deutschlandfunk
„Es sind die Frauen, von denen in Tschechows Stück die Energie ausgeht. Aber in Platonows Person saugt sie sich auf, und es ist rasend gut, wie Maertens daraus eine Pathologie des Liebeshungers und des Liebesvakuums aufbaut.“ Nachtkritik.de
„Sascha, die betrogene Ehefrau von Platonow, und Ossip, der Räuber, Mörder und Dieb, unsterblich verliebt in die Generalswitwe, die aber sehr sterblich mit Platonow flirtet. Beide sitzen auf dem Bahngleis vor Platonows Haus. Sie gibt ihm Suppe und ein bisschen Streicheln, er ihr eine Umarmung. Ursula Doll und Jan Bluthardt spielen das als einen zarten, träumerischen Ausweg aus der Ausweglosigkeit. So entdeckt Barbara Frey in Nebenfiguren herrliche Hauptsächlichkeiten, in Hauptfiguren aber tolle Nebenwelten.
Platonow zum Beispiel. Michael Maertens, der Nervenüberspannungskomiker par excellence, zeigt vom ersten Auftritt an ganz leise und mit eleganter Unterdrückungslaune, dass er vor Ekel und Verzweiflung in dieser Wolfsgesellschaft eigentlich fast umkommt, aber aus seinem Ekel ein geradezu dandyhaftes Vergnügen macht. Er ist der exzessive Theatraliker seiner depressiven Leiden, die er in vollen Abscheuzügen geniesst. „Hau ab!“ ist sein Generalbass. „Bleib, hör zu!“ seine Oberstimme. Ein alter Bub, der sich zwischen Frau und Frau nie entscheiden kann, im Wirbel dazwischen sich wund- und müdtanzt. Dann kommt der Schuss, dann das grüne Licht. Dann wird es dunkel im grossen Gesellschaftsgrab. Aber ziemlich hell im Theater.“ Frankfurter Allgemeine Zeitung


